GEBOREN WERDEN

 

 

 

"Man soll das Feuer in seiner Seele nie ausgehen lassen,

 

sondern es schüren.

 

Vincent van Gogh

 

 

 

 

 

 

Ich wünschte, ich könnte darstellen, was ich geträumt habe. Denn keine Worte können beschreiben, welchen Eindruck jenes Bild in mir hinterlassen hat.
 

 

"Zuerst nehme ich nur Finsternis wahr. Es herrscht absolute Stille, Geräuschlosigkeit, als befände ich mich in einem lautlosen Vakuum. Dann sehe ich etwas wie Waben, die eng aneinander liegen. Die Form ist allerdings viereckig und die Zellen liegen geometrisch geordnet genau neben- und untereinander, also nicht versetzt, so wie es bei Waben üblich ist.

 

 

 

Das, was ich "Zelle" nenne, scheint eine farblose Art von Plasma, eine Flüssigkeit mit dicker Konsistenz, zu sein. Es ist nichts Lebloses, oder besser gesagt, ich weiß intuitiv - etwas in ihm kann niemals leblos werden. Diese Zellen sind dicht und schließen an ihren Grenzen lückenlos ab, sind weich, elastisch, schmiegen sich aneinander. Zugleich geben sie ausreichend Raum, ohne Enge entstehen zu lassen. Sie sind schwer in ihrer Masse und zugleich leicht, ein Widerspruch in sich, der in diesem Moment keine Rolle spielt. Sie sind lichtdurchlässig und atmen. Die Waben glänzen, schillern nahezu und sind so durchsichtig, als ob sie aus klarem Wasser bestünden.

 

 

 

Es ist ganz ruhig um mich, und ich betrachte diese Schöpfung vor mir eingehend. Mir fällt auf, dass alle Zellen rein und klar sind. Allerdings sind sie allesamt leer.

 

Bis auf eine.

 

In einer Wabe in den oberen Reihen ist etwas, das ich fokussiere und in mein Blickfeld rücke. Jemand fühlt sich darin geborgen, schwebt förmlich, wie schlafend.

 

Das bin ich...

 

Ich sehe mich selbst... Beschützt und geborgen, wie ein Fötus im Schoße der Mutter.

 

Was mich beunruhigt ist die Leere um mich herum. Die verwaisten Zellen bereiten mir ein unbehagliches Gefühl.

 

Warum bin ich allein? Wie lange befinde ich mich im Zustand der Isolation und Stille? Wird es für mich etwas wie eine Geburt geben, wenn ich die Zelle verlasse, die Ruhe und den Schutz aufgebe und wie ein nacktes Neugeborenes ins kalte, befremdliche Außen muss?

 

Oder bleibe ich gefangen in meiner Einsamkeit, meinem Vakuum?"

 

 

 

"Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang.
            Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden,
und seine Tragödie, dass die meisten von uns sterben,
bevor sie ganz geboren sind."

 

Erich Fromm

 

 

 

Um den Sinn dieses Traumes nur annähernd zu verstehen, muss man innerlich weite Wege zurücklegen, das Tor zu sich selbst finden.

 

Geboren werden ist gleichzusetzen mit erwacht sein, das bedeutet auch, den scheinbaren Schutz gegen den tatsächlichen auszutauschen, seine Ängste zu überwinden, um nicht in der Einsamkeit des Menschseins zu verharren, sondern in die Einheit des Selbst zu gelangen.

 

Jede Geburt ist schwer. Ob und wann sie stattfindet, liegt an jedem Menschen selbst. Oder er bleibt in seiner Zelle, gefangen in seiner Unvollkommenheit und Unreife.

 

Der Weg des Lebens, das Erfüllen unserer Aufgaben und das Finden unseres wahren Selbst, ist ein fortwährender Zyklus. Ein Weg von Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen, ein Weg der Illusion, Verblendung und Desillusionierung, aber auch der Weg der Liebe.

 

 

 

 

 

Es ist die Geburt in unser Selbst,

 

die wir vollbringen müssen,

 

um zu erkennen, was wir in Wahrheit sind.

 

Dieses Erkennen, das "zu uns selbst finden", ist unsere Aufgabe,

 

der wir uns im Leben stellen müssen.

 

 

 

MT 

 

 

 

  © Copyright 2007 Michaela Thanheuser