Das Antlitz des Todes

 

 

 

 

Die Fenster waren geschlossen und so gut abgedichtet, dass man vom Straßenlärm des Innenstadtgäßchens kaum etwas hören konnte. Hin und wieder fielen die Lichter eines vorbeifahrenden Wagens in die blank geputzten Scheiben einer großen Auslage. Sie wurden aufgefangen und in den schmutzigen Glasscheiben des ersten Stockes vis a vis reflektiert. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde der stickige Raum hinter jenen Fenstern in grelles Licht getaucht. Danach lag er wieder in völliger Dunkelheit, und das einzig vernehmbare Geräusch, das die Stille durchbrach, war das Knarren eines alten Schaukelstuhles.

 

Auf und ab, auf und ab ächzte das alte Holz. Monoton, sich fortwährend wiederholend, klagte das morsche Stück über die Last, die es ständig vor- und zurückbewegen musste. Die abgestickte Luft roch nach Schweiß, Exkrementen und Abfällen. Rechts vom Schaukelstuhl stand ein kleiner Beistelltisch aus Nussholz, dessen liebevoll eingearbeitete Intarsien durch Unmengen verdorbener Lebensmittel verdeckt wurden. Schimmelnder Käse, faulendes Obst und vertrocknetes Fleisch zogen ihre süßlich schweren Gerüche durch das mit Gestank erfüllte Zimmer. Undefinierbare, verrottende und sich bereits zersetzende Essensreste klebten auf kleinen Tellern, und auf dem Boden eines Weinglases hatte sich ein hauchdünner, grünfarbener Belag angesetzt, der sich zum Glasrand hin ausweitete.

 

Auf den Armlehnen des sich stetig bewegenden Schaukelstuhles lagen die knöchernen Hände einer sehr alten Frau. Gänzlich ausgezehrte und von der Gicht völlig verkrüppelte, geschwollene Finger hielten sich verkrampft an den Seitenlehnen des Stuhles fest, gleichsam als wollten sie dem Holzding jede Bewegung abringen. Die Knöchel der mageren Finger traten weiß hervor, und die Fingerkuppen pressten sich so kraftvoll gegen die Kanten der Armlehnen, dass aus ihnen alles Blut gewichen war.

 

Die Anspannung und Verkrampfung der betagten Hände gingen durch die ans Holz gedrückten Ellenbogen in den ausgemergelten Körper der Greisin über. Ihre Arme schienen wie dürre Äste aus den kurzen Ärmeln des Hauskittels zu wachsen und mit dem starren Holz des Schaukelstuhles eins zu werden.

 

Die Knöpfe der Hausschürze waren vor Tagen flüchtig zugemacht worden, einige waren offen geblieben, und jene vor der Brust waren falsch geschlossen worden, sodass die Knopfleiste schief vor der Brust der Alten hing. Die welke Haut ihres Körpers offenbarte sich bis zum Ansatz ihres Busens, der ohne Stütze schlaff und ausgelaugt herabhing. Vom oftmaligen Erbrechen der verdorbenen Lebensmittel hatte die Schürze angetrocknete, orangefarbene Krusten bekommen, die bis zum Schoß hin ihr volles Maß erreichten, dort gar nicht auftrocknen konnten, weil sich dutzende Male säuerlich ätzende Körperinhalte darüber ergossen hatten.

 

Vor und zurück, vor und zurück. Das Schaukeln ließ nicht nach. Immer wieder stemmten sich die dürren Beine kraftvoll gegen den verschmutzten Parkettboden.

 

Aggressiv beugten und streckten sich die gichtkranken Glieder, setzten sich mit Hohn über den Schmerz hinweg und zwangen die Gelenke, Sehnen und Muskeln von neuem zum Strecken und Beugen, Strecken und Beugen. Das Ächzen des morschen Holzes und die stummen Schreie des gepeinigten Körpers fanden ihren Einklang, ergaben sich der immer wiederkehrenden Monotonie des Schmerzes.

 

Mit einem Male hörte das Schaukeln auf, und die alte Frau hielt inne. Die Scheinwerfer eines Autos blitzten beim Fenster herein und erhellten kurz die Miene der Greisin. Schlohweißes, struppiges Haar umrahmte das kantige, zerfurchte Gesicht. Die Backenknochen traten so massiv hervor, als wollten sie einem Totenschädel entspringen. Ein falsches Gebiss im Munde tragend, stießen die belegten Zähnen, übergroß geworden, gegen die leicht geöffneten Lippen, die wie zwei verblasste rote Ränder die riesigen Zahnprothesen in die Mundhöhle zurückzudrücken schienen. Das herein gefallene Licht konnte die gelblich-roten Augäpfel für einen Moment erleuchten. Seltsamerweise reagierten die Pupillen auf die plötzliche Lichteinstrahlung nicht. Sie blieben nach wie vor weit geöffnet und starr, wie zwei leblose graue Scheiben, die im Schutze der Dunkelheit ins Nichts gerichtet worden waren. Steif und regungslos verharrte die Alte in ihrem Sessel. Gleich einer steinernen Statue verhielt sie sich unmenschlich still und klammerte sich noch immer an die Griffe beider Armlehnen.

 

Da biss sie ihre Zähne von einer Sekunde auf die andere so fest zusammen, dass es die Finsternis durch jenes laute Zuschnappen zerriss. Darauf folgte ein leises Knirschen, als sie die oberen und unteren Zähne langsam gegeneinander rieb.

 

Unter ihren mühevollen Anstrengungen quälten sich aus den vergifteten Gedärmen nach Fäulnis riechende Gase und körperwarme, die Atemluft verpestende Schlacken. Wie seit den letzten Tagen fanden die Exkremente ihren Weg durch das Gewebe ihrer baumwollenen Hausschürze und über die glatte Sitzfläche des Holzstuhles, um langsam über die Innenseite und die Unterseite ihrer ausgezehrten Schenkel, über ihre eingefallenen Waden in ihre fleckig gewordenen Leinenschuhe zu sickern.

 

Den irren Blick nach vorne gerichtet, die Augen weit aufgerissen, beugte die Alte ihren Oberkörper vor und lachte schrill. Laut, fast gackernd, hallte es durch den kleinen Wohnraum. Ihre hagere Brust wurde heftig durchgeschüttelt, warf sich vor und wieder zurück. Vor und wieder zurück. Überzeichnet und vollkommen hysterisch, fast mechanisch und hohl gurgelte dieses Lachen aus ihrer Kehle. Hart und schrill, wie ihr Gelächter, warf es ihr den Kopf zurück, schlug es ihr den Nacken gegen den Rand der Rückenlehne des Schaukelstuhles. Minutenlang dröhnte es förmlich vom Laut des sich immerzu wiederholenden Aufschlages, bis das Lachen nachließ und es in ein heiseres Stöhnen überging.

 

Für einen Augenblick hätte man glauben können, dass der Wahnsinn ihr alle Kraft genommen hätte, doch schon bald löste sich ihre rechte Hand aus der Reglosigkeit. Ihre verkrüppelten Finger bewegten sich sehr träge, zuerst nur die Fingerspitzen. Dann hoben sie sich abwechselnd, als wollten sie sanft über die Tasten eines Klavieres streichen. Laut stöhnend streckte die Greisin nun ihre Hand aus, um nach dem Beistelltischchen neben sich zu tasten. Sie hielt ihren Kopf noch immer in den Nacken geworfen und stierte ausdruckslos gegen die mit Stuck ausgestattete Zimmerdecke. Mehrere Male ließ sie ihre taube und steife Hand über die Essensreste gleiten, bis sie ein erhabenes Stück Käse greifen konnte und es zitternd zwischen Zeigefinger und Mittelfinger presste, um es wie in Zeitlupe an ihre geöffneten Lippen zu führen. Sie schob es mit dem von Altersflecken bedeckten Handrücken zur Gänze in den Mund hinein, und während sie das verschimmelte Käsestück geistesabwesend zerkaute und einspeichelte, suchte ihre dürre Hand neuerlich nach etwas Essbarem.

 

Dabei stieß sie an die Weinflasche, die an der Kante des Tisches platziert gewesen war. Mit einem lauten Krachen und Splittern zerbarst die Flasche in tausend Stücke und ergoss ihren spärlichen Inhalt über den Boden, wo er sich mit all dem Schmutz und den Ausscheidungen eines dahingehenden Menschen vermengte.

 

Kein Laut war mehr dazu bestimmt, von der alten Frau gehört zu werden. Völlig in sich selbst verloren stopfte sie alle möglichen Abfälle in sich hinein. Ein Stück Fleisch in der Hand haltend, erbebte ihr Körper plötzlich, der sich gegen die ihm zugeführte Schlechtigkeit auflehnte. Nach einigem Würgen und Spucken fand auch die, bereits von Maden durchsetzte Wurst, ihren Weg in den angegriffenen Organismus. Schließlich blieben ihre Finger am Stiel des Weinglases hängen. Sie umfingen ihn unsicher, umklammerten ihn zitternd und führten das Glas unter enormen Anstrengungen an den Mund, um den Rest des abgestandenen Weines und das grüne Gift des Schimmelpilzes im dahinsiechenden Körper der Greisin aufzunehmen. Kaum ausgetrunken, fiel das Glas in ihren Schoß, wo es in ihrer Kleiderschürze, zwischen ihren beiden Schenkeln, hängen blieb.

 

Da krampfte sich die von Gichtbeulen geplagte Hand erneut um den rechten Griff des Schaukelstuhles, und das ewige Auf und Ab begann erneut.

 

 

Es war fünf Uhr früh, der Tag brach an. Zaghaft suchten sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die gerafften, bodenlangen Vorhänge. Die dunkelblauen, schweren Seitenteile betonten die Melancholie des Raumes. Sie standen erdrückend im Gegensatz zur Verspieltheit der romantischen Biedermeiertapete. Zarte, rosaknospende Blütenblätter umrankten die vergilbten Wände und straften die Bedrohlichkeit des blauen Samtes Lügen.

 

Vor dem Fenster stand ein klappriges Holzgestell, in dem fünf Blumentöpfe hingen, deren Inhalt bis zur Unkenntlichkeit verdorrt war.

 

Auf einer derben Kommode aus Nussbaum wartete ein kaputtes Radio aus der Nachkriegszeit darauf, repariert zu werden, und über dem Radio hing die altmodische Schwarz-Weiß-Fotographie eines jungen Ehepaares aus dem Jahre 1917. Sämtliche Möbelstücke waren von einem grauen Schleier überzogen. Der Staub hatte sich auch schon längst in den Falten der Vorhänge angesetzt.

In einiger Entfernung vom Fenster rührte sich der alte Schaukelstuhl nicht mehr.

 

Der Brustkorb der alten Frau hob und senkte sich, kaum merkbar. Ihre Haut war aschfahl, von tiefen Falten übersät und von Dreck verkrustet. Der Gestank war unerträglich, scharf und beißend, bestialisch, als käme er aus dem Innersten des Höllenpfuhles.

 

Wie krank musste der menschliche Geist sein, um aus einem weichen, durchbluteten, menschlichen Körper einen harten und leblos erscheinenden Kokon zu formen, sich über alle Gefühle und Schmerzen eines leidensfähigen Individuums hinweg zu setzen, um sich devot dem teuflischen Irrsinn zu beugen, der von Geist und Seele Besitz ergriffen hatte?

 

Plötzlich unterbrach ein unerwartet schleimiges Husten die Eintönigkeit, gefolgt von einem heftigen Schlucken und Würgen. Der innere Druck war so groß, dass die Greisin davon abließ, sich weiter anzuhalten, und sie sich hilflos an ihre Kehle fasste. Panik ergriff die arme Frau. Zum ersten Mal seit vielen Tagen blickten ihre Augen klar und voll des Verstehens. Ihr Kopf drehte sich und ließ ihre letzten Blicke über den Dreck und Unrat ihres zu Ende gehenden Lebens schweifen.

 

Entsetzt schrie sie auf, aber statt des erwarteten Schreies brodelte es scharf und heiß in ihr hoch, wurde ihr letztes Aufbäumen erstickt.

 

Im selben Moment explodierte der Schmerz in ihrem Kopf. Er riss alles Denken mit sich und schleuderte den Schädel in den Nacken zurück, dass es krachte. Danach wurde die Alte von einem heftigen Gefühl durchflutet, so, als ob glühende Lava durch den Nacken und die Wirbelsäule strömen würde. Als ihr Körper von der letzten Energie ergriffen worden war, rollte das Weinglas von ihrem Schoß herab und zerbrach klirrend auf dem harten Holzboden.

 

Da lag er nun, dieser tote, weibliche Körper. Noch war er warm, wenngleich der Tod längst von den Füssen her aufwärts gekrochen war. Die abgemagerten Arme pendelten noch einige Male ganz sachte vor und zurück, vor und zurück, bis sie schließlich leblos und schlaff herunter hingen. Der Kopf mit den weißen Haaren lag über die Kante der Rückenlehne gekippt, und zugleich streckte sich die eingefallene Brust zum Abschied der Welt entgegen.

 

Der Tod ist weder human noch würdevoll. Er spiegelt all die Falschheit und Verschlagenheit des Lebens wider. Sein Angesicht ist erschreckend, Ekel erregend, erbarmungslos, voller Ironie und Hinterlist.

Letztendlich, am Höhepunkt seiner Grausamkeit, verfehlt er seine Tücke.

Er taucht uns in die Fluten der Ewigkeit ein, wo Schmerz und Leid keine Rolle mehr spielen.

Einsam, schutzlos, voller Angst und Verzweiflung, mit den furchtsamen Seelen kleiner Kinder, haben wir den Tod überflügelt. Denn just im Augenblick unseres Hinscheidens von dieser Welt kann er uns nichts mehr anhaben.

 

Wir gingen und gehen vom Alpha zum Omega, immerfort.

Durch Freude und Leid, durch Höhen und Tiefen, durch das Leben und unsere Aufgaben, bis wir das erfüllt haben, was uns auferlegt wurde. Was wir selbst uns auferlegt haben.

Wir selbst machen das Leben zum Schrecken, wir selbst spiegeln den Schrecken im Tod. Es ist unser Gesicht das wir sehen, unser Gesicht, das wir über alle Grenzen hinweg tragen müssen.

Das Leben und der Tod sind die Indikatoren dessen, was wir brauchen, um uns selbst zu finden, so wie wir uns in unserem Leben hätten finden sollen.

 

MT